Kunst - und Kulturtheorie
*claustrophobia*
Art-Programm
JWD Babelsberg
4. Dez 2025 bis 5. März 2026
Derzeit

Marcel Bühler (Berlin) . IN THE SKIES OVER THE CITY ONE BIRD REWRITES GEOMETRY
Intro
Einem seiner letzten Bücher - Das terrestrische Manifest
- stellte der inzwischen verstorbene Bruno Latour ein Zitat von Jared Kushner voran - „We’ve read enough books.“ Auf den Kunstmarkt übertragen, hieße das in etwa - „We’ve seen enough pictures“. Oder, etwas weiter gefasst - „We’ve seen enough signs.“
In seinen theoretischen Arbeiten propagierte Latour mit Vorliebe die Forderung nach einer neuen Sprache. Einer sozialeren Sprache, die eine neue Wahrheit hervorbringt. Dabei wurde die Wahrheit so oft schon ausgesprochen und umfassend bedeutet. Stets wurde die Sprache neu erfunden. Und stets diente sie, in Form von Bildern oder Diskursen, dem besseren Sozialen und der besser begründeten Wahrheit. Mit zweifelhaftem Erfolg.
Warum also nicht einfach aufhören? Warum nicht alle Segel streichen? Man wird sagen, nochnie habe jemand aufgehört. Noch nie habe man freiwillig auf Kunst verzichtet. Das kreative Schaffen, so befand bereits Johann Joachim Winckelmann im Zuge seiner ›Erfindung der Kunstgeschichte‹ (Georges-Didi Huberman) gehöre wie die Notdurft zu den Grundbedürfnissen des Menschen.
Mit der Kunst ist es ein wenig wie mit der Demokratie, sie wird als hohes Gut empfunden, doch sie steckt in Schwierigkeiten. Und so wie sich die westliche Demokratie unentwegt selbst dazu aufruft, aktiv zu bleiben, nicht nachzulassen, so versucht die Kunst begleitend in unzähligen Ausstellungen, Biennalen und Symposien die richtigen Diagnosen zu stellen.
Mit guter Absicht ausgestattet, forciert sie dabei eine Kultur, die unablässig Monstrositäten gebiert. Dort, wo einst der Geist der Freiheit wehte, herrscht nunmehr Emissionszwang. Und dort, wo einmal die Natur waltete, hat ein Museum oder der private Showroom eines Sammlers seinen Standort bezogen. Was einmal nach wilder, nonkonformistischer Rebellion aussah, ist in Wahrheit das morbide Agens, das unter dem Verdacht steht, unablässig mit faulen Wertpapieren zu handeln.
Für gewöhnlich genießt der Überbringer schlechter Botschaften einen denkbar ungünstigen Leumund. Vor dem Hintergrund der heutigen ›metastatischen‹ Ereignisse jedoch erscheint das System der bildenden Kunst auf fatale Weise anachronistisch, veraltet und überlebt. Oder anders formuliert, einverleibt in die vom Geldfluss getriebene Konsensgesellschaft. Es mutet geradezu idiosynkratrisch an, etwas aufrechterhalten zu wollen, das um 1800 von den Tableaus der christlichen Kirchen und feudalen Paläste auf die Leinwände der in die Freiheit entlassenen Bürger überwechselte, um schließlich einen Pyrrhussieg über die Knechtschaft von Schmerz und Schuld zu etablieren.
Wenn es nur um die Technik der Kunst ginge? Um die Bedeutung der Narrative? Um die Kunstfähigkeit der Hand und die Schule des Sehens? Um Material und Form? Um die Reparatur der Trostmaschine und die wiedergewonnene Möglichkeit des bescheidenen Glücks beim Anblick eines Bildes oder einer Installation?
Dass der Rezipient heute genug Bücher gelesen und Bilder gesehen hat, zeugt in der Breite von klaustrophobischen Verhältnissen. Als Reaktion darauf regen sich Angst und pathologische Sorge. ›Panikattacke‹ ist das Wort der Stunde. Ein gemäßer Wunsch, der daraus resultiert, ist das Bedürfnis nach Degrowth, nach weniger, nach Reduktion.
Insofern erscheint der Versuch, ein Ausstellungsprogramm mit jeweils nur einem Bild zu bespielen, folgerichtig und sinnvoll. Es gibt vor, dem Betrachter die Stille der Betrachtung und Distanz zum alltäglichen Geschehen wiederzugeben, die es braucht, um der Gedanken, der Bedeutungen und der Selbstversicherungen habhaft zu werden. Nicht zu vergessen der Dinge.
Doch die entscheidende Frage ist eher, kann ein solches Programm sich selbst gerecht werden? Ist es nicht etwa nur ein Trick, eine Simulation der Ruhe und des abseitigen Raumes, die obsolet werden, sobald der Diskurs mit dem ›Draußen‹ einsetzt und der Wert des artifiziellen Gegenstandes nach einem Geldwert bemessen wird?
Jacques' Wein-Depot
Marlene Dietrich Allee 17
14482 Potsdam
Cut #1 Opening, 10. Juli 2025 - Joris Hunold (Potsdam). Porträt Niels :: Cut #2 Opening, 9. Sep 2025 - Anne Heinlein (Potsdam). Geheimes Land :: Cut#3 Opening, 4. Dez 2025 - Marcel Bühler (Berlin). IN THE SKIES OVER THE CITY ONE BIRD REWRITES GEOMETRY
